Heile, heile, Röhrchen! Sanierungsverfahren für private Abwasserleitungen

So sieht eine mustergültige Grundstücksentwässerung aus!

Verzweigt, kurvig, eng: Grundstücksentässerunsanlagen sind in Sachen Sanierung oft nicht ganz einfach.

Was die Sanierung betrifft, sind Grundstücksentwässerungsanlagen etwas spezielle Kandidaten: Grund- und Anschlussleitungen sind häufig in verzweigten Netzen verlegt. Kleine Nennweiten prägen das Bild. Bögen sind fast schon die Regel, nicht fachgerechte Materialwechsel auch nicht gerade selten. Diese Charakteristika schränken die Verfahrensauswahl bei der Sanierung häufig ein. Wir stellen die gängigsten Verfahren vor. Und ein paar Exoten.

Dicht? Standsicher? Betriebssicher?

Das Wasserhaushaltsgesetz des Bundes fordert in § 60 Abs. 1 WHG, private Abwasseranlagen nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik zu errichten, zu betreiben und zu unterhalten. Private Abwasseranlagen müssen auf Dauer dicht, standsicher und betriebssicher sein. Ist mindestens eines der genannten Kriterien nicht (mehr) gegeben, ist laut § 60 Abs. 2 WHG eine Sanierung innerhalb angemessener Frist erforderlich.

Reparieren? Renovieren? Neu?

grafik-uebersicht-sanierungsverfahren-grundstuecksentwaesserung-320Für die Sanierung der Grundstücksentwässerung stehen viele Sanierungsverfahren aus den Verfahrensgruppen Erneuerung, Renovierung und Reparatur zur Verfügung. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern werden nach Erfahrungen des Kommunalen Netzwerks KomNet zur Erneuerung der Abwasserleitungen häufig die offene Bauweise und das Abhängen von Rohren unter der Kellerdecke eingesetzt. Das Schlauchliningverfahren ist vielseitig einsetzbar und die am häufigsten eingesetzte Methode aus der Verfahrensgruppe Renovierung. Reparaturen werden häufig im Kurzlinerverfahren oder mit Kleinbaugruben ausgeführt. Seltener wird auch auf das Flutungsverfahren zurückgegriffen, zum Beispiel bei der Sanierung von Entwässerungsnetzten an Tankstellen.

Abgehängte Abwasserleitungen im Keller

Leitungen an Kellerwand oder -decke abhängen: eine beliebte Methode zur Leitungserneuerung – wenn man einen Keller hat.

Eine Vielzahl weiterer Verfahren wird aufgrund der typischen Netzcharakteristika in der Grundstücksentwässerung seltener eingesetzt. Dies betrifft beispielsweise in der Erneuerung das Berstliningverfahren, in der Renovierung das Close-fit-Verfahren und in der Reparatur die Roboterverfahren, die partielle Injektion und Innenmanschetten. Diese Verfahren eignen sich besser für lange und geradlinig verlaufende Leitungen.

Funktionsweise? Vorteile? Nachteile?

Wir stellen die Sanierungsverfahren weiter unten in Form von Steckbriefen vor – im ersten Teil zunächst die Methoden der Leitungserneuerung. Die Renovierungs- und Reparaturverfahren folgen demnächst. Alle Verfahren werden ausführlich im Forschungsbericht „Konzeption zur Bürgerinformation und -einbindung zu privaten Hausanschlüssen – Phase II“ beschrieben (ab Seite 100), den das IKT im Auftrag des NRW-Umweltministeriums erstellt hat. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wurden auch viele praktische Broschüren und Arbeitshilfen entwickelt. Eine spannende Lektüre!
Download Forschungsbericht

Teil 2 – Renovierungsverfahren

Sanierungsverfahren für private Abwasserleitungen
Teil 1 – Erneuerung

Offene Bauweise – Operation am offenen Graben

Grafik offener Graben zwischen Haus und Revisionsschacht

Neuverlegung von Grund­stücks­entwässerungs­leitungen in offener Bauweise

Bei der Verlegung von neuen Rohren im offenen Graben können ganze Leitungsnetze oder auch nur einzelne Leitungsabschnitte ersetzt werden. Durch die Erneuerung des gesamten Rohr-Boden-Systems wird die Standsicherheit der Abwasseranlage deutlich verbessert. Auch eine Änderung von Dimension oder Gefälle der Leitungen zur Verbesserung der Betriebssicherheit ist bei der offenen Bauweise möglich. Beim Sonderfall „Fremdwassersanierung“ können infiltrationsdichte Bauteile eingesetzt werden. Die erwartete Nutzungsdauer wird mit 50 bis 80 (100) Jahren angesetzt. Hinweis: Bei der Erneuerung von Leitungen im Fundamentbereich sollte immer ein Statiker hinzugezogen werden.

Vorteile

  • Dichtheit bei fachgerechter Verlegung sichergestellt
  • großes Potenzial zur Verbesserung oder Wiederherstellung von Dichtheit, Standsicherheit und Betriebssicherheit
  • zum Teil deutlich längere Nutzungsdauern im Vergleich zu Renovierungs- und Reparaturverfahren
  • bei jedem Schadensbild einsetzbar

Nachteile

  • in der Regel relativ aufwendig, vor allem bei großen Tiefen oder versiegelten Flächen
  • daher auch meist recht kostenintensiv – mehrere Hundert Euro pro Meter
  • Aufgrabungen unter der Bodenplatte grundsätzlich möglich, aber nur mit sehr hohem Aufwand ausführbar
  • lange Bauzeiten von mehreren Tagen und Wochen

Relevante Regelwerke und Dokumente

  • DIN EN 1610
  • DWA-A 139
  • ATV-DVWK-A 127
  • DIN EN 12056-1
  • DIN EN 12056-2
  • DIN 1986-100

Unterstützung? Austausch? Arbeitshilfen? – KomNet Abwasser!

Teilnehmer diskutieren ein Papier

Das KomNet Abwasser unterstützt Abwasserbetriebe und bringt Menschen zusammen.

Das Kommunale Netzwerk KomNet Abwasser ist eine kommunale Initiative von fast 50 Abwasserbetrieben für eine bürgernahe Stadtentwässerung. Das IKT organisiert und moderiert das KomNet und berät die beteiligten Kommunen technisch und organisatorisch.

Das KomNet Abwasser bietet seinen Mitgliedern:

  • Weiterbildung: Kostenfreie Teilnahme an IKT-Seminaren für alle Mitarbeiter
  • Technische Beratung: Antworten zu allen Fragen der Sachbearbeitung
  • Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit: Broschüren, Flyer, Internetseiten…
  • Qualitätssicherungs- und Forschungswissen: Argumentationen und Stellungnahmen
  • Hilfe bei der konzeptionellen Umsetzung der Abwasserbeseitigungspflichten

Mehr über das Kommunale Netzwerk Abwasser und seine Tätigkeiten: www.komnetabwasser.de
Jetzt informieren und Mitglied werden!

Installation unter der Kellerdecke – mal so richtig schön abhängen

Grafik mit abgehängten Rohren unter der Kellerdecke, Hebeanlage an der Waschmaschine und verfüllter Grundleitung

Abhängen von Abwasserrohren unter der Kellerdecke

Neue Rohre können auch innerhalb des Gebäudes als abgehängte Sammelleitung an Decken und Wänden verlegt werden. Dabei ist die ordnungsgemäße Befestigung besonders wichtig. Schwer zugängliche Grundleitungen unter der Bodenplatte werden anschließend aufgegeben. Die Altleitungen müssen fachgerecht stillgelegt werden. Die erwartete Nutzungsdauer wird mit 50 bis 80 (100) Jahren angesetzt. Für Entwässerungsgegenstände unterhalb der Rückstauebene wird eine Hebeanlage benötigt.

Vorteile

  • Dichtheit bei fachgerechter Verlegung sichergestellt
  • großes Potenzial zur Verbesserung oder Wiederherstellung von Dichtheit, Standsicherheit und Betriebssicherheit
  • zum Teil deutlich längere Nutzungsdauern im Vergleich zu Renovierungs- und Reparaturverfahren
  • kostengünstig – in der Regel unter 100 Euro pro Meter für Rohre und Befestigung zzgl. Wanddurchführungen, Anschluss in den Kanal, Verdämmung der Altleitung und zusätzliche Handwerkerleistungen
  • in einem Tag oder wenigen Tagen fertig
  • bei jedem Schadensbild einsetzbar
  • wartungsfreundlich
  • keine Prüfpflicht für diese Leitungen
  • erhöhte Rückstausicherheit mit Rückstauschleife oberhalb der Rückstauebene

Nachteil
technische und organisatorische Machbarkeit von den Gegebenheiten vor Ort abhängig (Rückstauebene, Kellernutzung, Fenster und Türen, Treppenhäuser etc.)

Relevante Regelwerke

  • DIN 1986-100
  • DIN EN 12056-4

IKT-Veranstaltungen zum Thema

Fortbildung: DIN 1986-30
Programm und Anmeldung

Workshop: Kanalreparatur in Theorie und Praxis
Programm und Anmeldung

Lehrgang: Zertifizierter Berater Grundstücksentwässerung
Programm und Anmeldung
!!!Neue Teilnahme-Option: flexibler mit dem modularen Lehrgang!!!

alle IKT-Veranstaltungen

Berstlining – bisher noch vergleichsweise selten eingesetzt

Grafik Berstlining zwischen Keller und Revisionsschacht

Verdrängen des Altrohrs und Einziehen der neuen Leitung beim Berstlining

Beim Berstlining wird eine Leitung in geschlossener Bauweise erneuert, indem das Altrohr zerstört und ins umgebende Erdreich verdrängt wird. Gleichzeitig wird ein neues Rohr eingezogen, das in der Regel aus Kunststoff besteht. Hierzu werden ein Start- und ein Zielschacht benötigt. Nennweitenänderungen sind dabei in begrenztem Maß möglich. Berstlining ist einsetzbar in Nennweiten ab DN 50, findet bei Einfamilienhäusern und kleinen Mehrfamilienhäusern aber eher selten Anwendung. Dieses Verfahren bietet sich vor allem dann als Alternative zur Erneuerung in offener Bauweise an, wenn diese schwierig umsetzbar ist, zum Beispiel im Innenstadtbereich.

Vorteile

  • Sanierungsergebnis bezüglich Dichtheit, Standsicherheit, Betriebssicherheit und Dauerhaftigkeit mit der Erneuerung in offener Bauweise vergleichbar
  • Änderung der Nennweite möglich
  • kurze Bauzeiten – Tagesleistungen über 200 Meter möglich
  • geringer Aufwand an Tiefbauarbeiten

Nachteile

  • Hohlräume im Boden nicht ausbesserbar
  • zum Teil Vorarbeiten erforderlich wie Fräsen von Wurzeln und Entfernung von Ablagerungen
  • nur bei geradem Leitungsverlauf einsetzbar
  • Sanierung von verzweigten Grundleitungssystemen nicht möglich
  • bei Ein- und kleineren Mehrfamilienhäusern häufig technisch aufwendiger als offene Bauweise oder Schlauchlining
  • dadurch höhere Kosten im Vergleich zu anderen Sanierungsverfahren

Relevantes Merkblatt
DWA-M 143-15

IKT-Warentest Hausanschlusssanierung

Was Sanierungsverfahren leisten können, untersucht der aktuelle IKT-Warentest „Sanierungsverfahren für schwere Schäden an Hausanschlussleitungen“, bei dem die Sanierungen der Teststrecken durch die zehn beteiligten Firmen gerade abgeschlossen sind. Bald fällt der Startschuss für das Prüfprogramm. Im Laufe des nächsten Jahres ist mit spannenden Ergebnissen zu rechnen.

Teil 2 – Renovierungsverfahren

Demnächst:
Teil 3 – Reparaturverfahren

Ansprechpartner

Dipl.-Ing. Marco Schlüter
Telefon: 0209 17806-31
E-Mail: schlueter@ikt.de